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Herr von Morken

Demographische und soziale Phänomene der Merowingerzeit im nördlichen Rheinland

Wer in den letzten 50 Jahren das LVR-LandesMuseum in Bonn besuchte, dem ist als ein zentrales Ausstellungsobjekt der Merowingerzeit die rekonstruierte Grablege des sogenannten Herrn von Morken ins Auge gefallen. In der großen Bodenvitrine sind der Befund der Grabkammer aus Eichenholz, des Sarges und des Skelettes mit den überaus reichen Grabbeigaben ausgestellt, wie sie zum Zeitpunkt der Auffindung im Jahre 1955 auf dem Kirchberg in Morken aufgefunden wurden. Neben seiner Kleidung und seinen Waffen wurden umfangreiche Speise- und Trankbeigaben ins Grab mitgegeben. Sie entsprechen vielfach in Form und Art den in dieser Zeit üblichen Grabbeigaben. Jedoch ist das kostbare Material der Waffen und des Gürtels sowie die Ikonographie der Verzierungselemente einzigartig im rheinischen Fundgut dieser Zeit. Sie weisen weitreichende Verbindungen zu Gräbern einer herausgehobenen Schicht auf, die von Skandinavien bis Südeuropa reichen. In seiner Qualität und seinem Reichtum ist diese Grabausstattung im nördlichen Rheinland nur den ca. 70 Jahre älteren Grabausstattungen aus Krefeld-Gellep (Grab 1782) und denen unter dem Kölner Dom an die Seite zu stellen.

Das Grab wurde um 600 n. Chr. abseits des Friedhofs der Ortsbevölkerung mit weiteren mindestens 23 merowingerzeitlichen Bestattungen auf einem Geländesporn hoch über der Erft angelegt, auf dem im 10. Jahrhundert die Pfarrkirche St. Martin in den Ruinen einer römischen villa rustica errichtet wurde. Die Ausrichtung der Kirche ist dabei am Verlauf der W-O-Achse des Grabes orientiert; ein möglicher hölzerner Vorgängerbau der Steinkirche, der gleichzeitig mit dem Grab errichtet wurde, wurde mehrfach in der Fachliteratur diskutiert, kann jedoch auch nach erneuter Durchsicht der Grabungsbefunde nicht belegt werden. Die Bestattung wird daher in der Forschung als Ruinenbestattung mit nachträglicher christlich überhöhter Bedeutung angesprochen, was eine Überlieferung der Lage der Bestattung und der Person des Bestatteten und seine Bedeutung für spätere Generationen voraussetzt. Aufgrund seines Reichtums sowie der Besonderheit seiner Lage an herausragender Stelle und abseits eines Gräberfeldes der Ortsbevölkerung spielt diese Grablege in der Fachdiskussion um Adelsgrablegen und Ausstattung und Art von Eliten immer wieder eine große Rolle. Dies umso mehr, als in der ehemaligen Gemarkung Königshoven-Morken 1983, etwa 30 Jahre nach den Grabungen auf dem Kirchberg, durch den Braunkohletagebau, ca. 450 m südwestlich des Kirchbergs, völlig überraschend das Gräberfeld der zu Morken gehörenden merowingerzeitlichen Dorfbevölkerung angeschnitten wurde. Im unmittelbaren Vorfeld des Abbaus konnten 480 Gräber ausgegraben und umfangreich dokumentiert werden. Die Funde wurden unmittelbar anschließend in der Werkstatt des Landesmuseums restauriert. In einem Projekt der Abteilung für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und finanziert von der Stiftung für Archäologie im Rheinischen Braunkohlerevier wurde von 2006 - 2008 nicht nur eine kritische Revision der Grabungspläne vom Kirchberg vorgenommen, sondern auch der Katalog der 1983 entdeckten Gräber druckfertig erstellt. Damit ist erstmals in den nördlichen Rheinlanden die separate Grablege des sogenannten Adels und die Bestattung der Dorfbevölkerung beurteilbar und vergleichbar.

Vom 1.Februar 2011 bis zum 1. November 2012 finanzierte der Landschaftsverband Rheinland für das Landesmuseum das Projekt zur Auswertung dieser Fundstellen. Dabei liegt der Fokus auf der Frage nach der Bewertung der Stellung und Herkunft der auf dem Kirchberg Bestatteten im Vergleich zur Ortsbevölkerung. Untersucht werden soll, inwieweit sie sich in Erscheinungsbild, Lebensweise, Ernährung, religiösen Aspekten, Kleidung und Rückgriff auf wirtschaftliche Ressourcen unterscheiden.

Es stellt sich die Frage, ob der Herr von Morken aus der Ortsbevölkerung selbst stammte (Lassen sich Vorfahren im Gräberfeld feststellen?), und wann und warum er eine Sonderstellung erreichte (Reichtum? Funktion?) oder ob er fremd in diese Dorfgemeinschaft kam (Amtsadel?).

Die Auswertung des Fundmaterials zeigt, dass die Ortsbevölkerung seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts, also etwa 100 Jahre vor Anlage der Gräber auf dem Kirchberg, dort bestattete. Die Ortsbevölkerung hielt dann auch noch weiterhin mindestens 100 Jahre nach Bestattungsbeginn auf dem Kirchberg ihrem alten Bestattungsplatz fest.

Die archäologisch-antiquarischen Auswertungsarbeiten werden begleitet von umfangreichen naturwissenschaftlichen Untersuchungen. So bestimmten zum Beispiel Dr. Ursula Tegtmeier (Universität Köln) alle Holzfunde sowie Prof. Dr. Annemarie Stauffer und Tracy Niepold M.A. (FH Köln) die Textilreste aus dem Gräberfeld. Auch Teile der Textilreste aus dem Fürstengrab, die bereits 1955 nach der Ausgrabung von Karl Schlabow bestimmt wurden, wurden einer erneuten Untersuchung unterzogen. Während im Gräberfeld bis auf wenige Ausnahmen in reichen Gräbern ausschließlich Reste von Leinen und Wollstoffen geborgen wurden, die meist keine Hinweise auf eine farbliche Gestaltung lieferten, zeigten sich sehr aufwendige Färbe- und Webarten bei den Textilresten vom Kirchberg. Auch Untersuchungen zur Herkunft der Granateinlagen auf den Fibeln und Gürtelschnallen durch Dr. Susanne Greiff (RGZM) zeigen, dass nur für die Fibel der reichsten Frau des Ortes Granate aus derselben Lagerstätte verwendet wurden wie für die Gürtelschnalle des Herrn von Morken.

Die Bodenverhältnisse waren äußerst ungünstig für die Erhaltung der Knochenreste. Um der Frage nach einer möglichen Herkunft des Herrn von Morken aus dem Dorf selbst nachzugehen, wurden aus den wenigen erhaltenen Resten DNA-Proben genommen, die derzeit an der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München zur Klärung von Verwandtschaftsverhältnissen untersucht werden.

Anthropologische Untersuchungen und Untersuchungen zur Ernährung an den Skelettresten wurden an der Universität Mainz unter der Leitung von Prof. Dr. K.-W. Alt durch Chr. Meyer und Dr. C. Knipper durchgeführt.

Wie die Verwundungen des Herrn von Morken zeigen (massive Schädelverletzungen), war der Kampf bestimmend für sein Leben. Auch seine betont eiweissreiche Ernährung war wohl daruaf abgestimmt. Im Alltag bediente er sich der gleichen Dinge wie der Rest der reichen Bevölkerung, die im Ortsgräberfeld bestattet wurde.

Von Ihnen unterschied er sich vor allem durch die Vielfalt, Qualität und Herkunft seiner Waffen.

Dass also der Kampf zu seiner Heraushebung aus der Normalbevölkerung geführt hat, kann nur vermutet werden. Der Helm als Zeichen der Anführer im fränkischen Heer deutet darauf hin. Die Überlieferung von Königsgut in Morken und dessen allmählicher Übergang in den Besitz der Verwalter, der Familie von Hochstaden, lässt bereits für den Herrn von Morken um 600 an eine Funktion als königlichen Verwalter denken, sodass wir ihn als Angehörigen eines Amtsadels verstehen könnten.

Literatur:

H. Hinz, Die Ausgrabungen auf dem Kirchberg in Morken, Kreis Bergheim (Erft). Rhein. Ausgr. 7 (Düsseldorf 1969)

E. Nieveler und A. Stauffer, Merowingerzeitliche Textilreste von Frimmersdorf 50 und Morken, in: A. Stauffer (Bearb.), Textilien in der Archäologie. J. Kunow (Hrsg.), Materialien zur Bodendenkmalpflege im Rheinland 22 (o.O. 2011), 81-94.

E. Nieveler/I.Herzog, Belegungschronologische Auswertung des merowingerzeitlichen Gräberfeldes Bedburg-Königshoven. In: 25 Jahre Archäologie im Rheinland 1987-2011 (Stuttgart 2012) 146-148.

Berichte aus dem Landesmuseum Bonn 2/2011, 13-15; 1/2012, 12-15; 2/2012, 9-11.

Kooperationspartner Projekt Morken:

Cologne Institute of Conservation Sciences, Institut für Restaurierungs- und Konsvervierungswissenschaften – Textilien und archäologische Fasern (Prof. Dr. A. Stauffer, T. Niepold M.A. - Textilien)

Labor für Archäobotanik der Universität Köln (Dr. U. Tegtmeier - Holz)

Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Prof. Dr. S. Greiff, S. Hartmann - Almandine)

Curt-Engelhorn, Zentrum für Archäometrie am Reiss-Museum Mannheim (Dr. R. Schwab – Metallanalysen)

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Anthropologie (Prof. Dr. K.W. Alt, Dr. C. Knipper, Chr. Meyer – Anthropologie, Isotopie)

Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung Berlin (Dr. H.-M. Thomas – Wirbelstromverfahren; Dr. J. Goebbels, D. Meinel (Mikro-CT)

Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München (Dr. C. Harbeck, Dr. K. von Heyking – DNA-Analysen)

Institut für Rechtsmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt (Dr. C. Niess – forensische Gesichtsrekonstruktion)

weitere Informationen:

Dr. Elke Nieveler, Referentin Frühmittelalter,


Kontakt

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